Ausgabe 11/2019

Wenn die Zeit (ver)fliegt

Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Objektiv können wir die Zeit nicht anhalten. Aber wir können dafür sorgen, dass sie sich zumindest subjektiv verlangsamt.

Wenn die Zeit (ver)fliegt

Noch rund 50 Tage und dann ist wieder Weihnachten. Was – Weihnachten? Wo ist nur die Zeit geblieben … Ja, früher schien der Sommer nie zu enden. Angeln, Baden, Fahrradfahren und mit den Freunden zelten – unglaublich, was alles in sechs Wochen Ferien passte. Dagegen zogen sich Familienfeste und Autofahrten länger als ein Hubba-Bubba-Kaugummi. Doch nun, im Erwachsenenalter, möglicherweise mit Kindern, Haus und verantwortungsvollem Job, scheint die Zeit nur dahinzurasen. Gerade haben wir erst Ostern gefeiert, waren mit der Familie in Spanien, und jetzt steht das Christkind vor der Tür. Mit jedem Jahr vergeht die Zeit anscheinend einen Tick schneller. Doch woran liegt das?

Vielleicht daran, dass sich unser Zeitempfinden verändert, wenn wir älter werden. Für einen Fünfjährigen „fühlt“ sich ein Jahr scheinbar deutlich länger an als für einen Fünfzigjährigen. Den Grund für die Beschleunigung der Zeit im Erwachsenenalter sehen viele Menschen in der unterschiedlichen Relation zur Lebenszeit. Für den Fünfjährigen stellt ein Jahr immerhin ein Fünftel seines Lebens dar, für einen Fünfzigjährigen gerade einmal ein Fünfzigstel. Die umgerechnet zwei Prozent Lebensspanne kommen dem Erwachsenen kürzer vor als dem Kind die zwanzig Prozent. Klingt plausibel – doch so einfach ist es leider nicht.

Die Erinnerung bedingt die Zeitwahrnehmung

Wissenschaftler sehen solche „mathematischen“ Erklärungen skeptisch. Adrian Bejan, Physiker an der US-amerikanischen Duke Universität, führt die unterschiedliche Zeitwahrnehmung von Jung und Alt auf Veränderungen in der neuronalen Reizverarbeitung zurück. Das Gehirn von Kindern und Jugendlichen verarbeite mehr „mentale Bilder“, also Reize und Sinneseindrücke, in kürzerer Zeit als das Gehirn älterer Menschen. Neuronale Prozesse führten aber dazu, dass in der Rückschau die zeitlichen Abstände zwischen den mentalen Bildern unwillkürlich gestreckt werden – die Zeit erscheint dann länger als sie tatsächlich war. Im fortgeschrittenen Alter werde sie dagegen gekürzt.

Der Zeitforscher Marc Wittmann sieht dagegen nicht in der Quantität, sondern in der Qualität der Eindrücke den entscheidenden Unterschied. Junge Menschen machen viel häufiger „erste Erfahrungen“: der erste Tag in der Schule, der erste Sprung vom Drei-Meter-Brett, der erste Kuss. Diese Eindrücke sind mit starken Emotionen verbunden und prägen sich besonders tief in unser Gedächtnis ein. Je älter wir werden, desto weniger machen wir solche einschneidenden Erfahrungen. Stattdessen beherrschen Routinen und vertraute Abläufe unseren Alltag – die unser Gedächtnis aber nicht mehr detailliert abspeichert, sondern nur noch in einer grob zusammengefassten Form.

Zwei Faktoren beeinflussen die Zeitwahrnehmung

Wie lang uns Zeit vorkommt, hängt von zwei Faktoren ab: erstens von der bewussten Wahrnehmung unserer Handlungen. Aktivitäten, die uns Spaß machen und in denen wir geistig zu 100 Prozent präsent sind, scheinen zwar im Moment des Tuns wie im Flug zu vergehen. Doch in der Rückschau haben wir den Eindruck, die Zeit sei recht langsam verstrichen. Die Psychologie spricht hier vom „subjektiven Zeitparadoxon“. Ein langweiliges Meeting oder selbst das 15-minütige Warten auf die nächste U-Bahn haben genau den gegenteiligen Effekt. Währenddessen scheint die Zeit stillzustehen, retrospektiv fragt man sich jedoch, was man überhaupt getan hat.

Der zweite Faktor stammt aus der Entwicklungspsychologie. Verschiedene Studien legen nahe, dass ältere Menschen tendenziell weniger offen für neue Erfahrungen sind als jüngere Menschen. Das liegt weniger daran, dass sich mit fortschreitendem Alter bestimmte Ansichten oder Vorlieben verfestigen. Viel häufiger ist es der Fall, dass man sich aufgrund guter Erfahrungen, aus Bequemlichkeit oder wegen eines tatsächlichen Mangels an Alternativen auf bestimmte Dinge konzentriert, die sich dann zwangsläufig wiederholen: das abendliche Fernsehen auf dem Sofa, die Fahrt mit immer derselben U-Bahn-Linie zur Arbeit, das familienfreundliche Ferienhotel an der spanischen Mittelmeerküste.

Routinen durchbrechen für mehr subjektive Zeit

Wer seine Zeit (wieder) verlangsamen will, sollte sich also bewusst neuen, ersten Erfahrungen aussetzen und Routinen durchbrechen. Der einfachste Weg: allzu offensichtliche Handlungsmuster infrage stellen und sich Alternativen überlegen. Komme ich auch auf einem anderen Weg zur Arbeit? Kann ich abends den Fernseher ausmachen und stattdessen einen alten Freund anrufen? Wo habe ich noch nie Urlaub gemacht? Was möchte ich endlich lernen? Sich solche und viele weitere Fragen zu stellen, sorgt auch bei den Älteren dafür, dass sich die Zeit bis Weihnachten gefühlt wieder verlangsamt. Für die Kinder und Enkel ist Weihnachten natürlich noch ewig weit weg.

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