Ausgabe 02/2019
Wenn Eltern alt werden: Und täglich wächst die Herausforderung

Dass Vater und Mutter alt werden, ist ein natürlicher Vorgang. Doch was tun, wenn sie Unterstützung brauchen oder gar zum Pflegefall werden? Was „Pflegebedürftigkeit“ ganz konkret bedeutet und welche Rolle der demografische Wandel spielt, verrät der Artikel – zugleich Auftakt zur Serie „Pflegeversicherung“.

Manchmal ist von einem Augenblick zum nächsten alles anders. Da hatte der Vater vor kurzem noch geholfen, den neuen Zaun im Garten des Sohnes zu setzen. Doch dann: Schlaganfall, Notarzt, Krankenhaus, Reha. Und jetzt kann sich der Mann, der zeit seines Lebens von morgens bis abends auf den Beinen war und unermüdlich Sachen reparierte, Wände strich oder Unkraut zupfte – jetzt kann sich dieser einst so agile Mann kaum noch bewegen. Der selbstständige, lebensfrohe und manchmal so wahnsinnig starrsinnige Vater, mit dem man streiten konnte, bis die Fetzen flogen – nur noch ein Schatten seiner selbst. Angewiesen auf die Hilfe seiner Frau, seiner Kinder. Ein Pflegefall.

Nicht immer sind es solche dramatischen Erlebnisse, die erwachsenen Kindern vor Augen führen, dass ihre Eltern nicht nur älter, sondern alt geworden sind. Oftmals lassen die Kräfte langsam, kaum merklich nach: Bei jedem Besuch scheint der Fernseher der Großeltern etwas lauter gestellt zu sein; beim Treppensteigen muss der Opa immer häufiger eine kleine Pause machen; plötzlich kann die Oma sich nicht mehr an alles erinnern, was ihr die Nachbarin am Morgen erzählt hatte. Und obwohl die beiden früher sich keine Gelegenheit für eine schöne Reise entgehen ließen, sitzen sie jetzt lieber im Garten unterm Kirschbaum.

Steigende Lebenserwartung und demografischer Wandel

Solche und ähnliche Geschichten sind in Anbetracht des demografischen Wandels keine Einzelfälle. Denn Fakt ist: Wie in allen anderen Industrienationen altert die Gesellschaft in Deutschland. Zum einen werden die Menschen immer älter. Kinder, die heute geboren werden, haben eine realistische Chance, das Jahr 2100 zu erleben. Zum anderen wächst der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung. Während im Jahr 2013 rund 15,2 Millionen Menschen 67 Jahre und älter waren, werden es 2040 voraussichtlich etwa 21,5 Millionen sein, schätzt das Statistische Bundesamt – ein Anstieg von 6,3 Millionen bzw. um 42 Prozent.

Mit steigendem Alter nimmt auch das Risiko zu, nicht mehr für sich selbst sorgen zu können – und somit auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Ab dem 80. Lebensjahr erhöht sich zudem die Wahrscheinlichkeit sprunghaft, pflegebedürftig zu werden. Jeder Dritte in dieser Altersgruppe (32 Prozent) kommt dann nicht mehr allein im Leben zurecht. Die Gründe für eine Pflegebedürftigkeit sind vielfältig, allerdings dominieren bestimmte Krankheitsgruppen. Das zeigen die Pflegeberichte (pdf-Datei) des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). Krebserkrankungen und Krankheiten des Kreislaufsystems stellen die häufigste „pflegebegründende Diagnose“ dar, gefolgt von psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten. Die Geschlechter unterscheiden graduell: Männer leiden häufiger an Krankheiten des Kreislaufsystems wie Schlaganfall, Herzschwäche oder Hirninfarkte. Bei Frauen dominieren Erkrankungen des Bewegungsapparates, zum Beispiel Arthrose oder Osteoporose.

Schutz durch gesetzliche Pflegeversicherung

Bereits heute sind schon viele Menschen auf die Pflege durch die Familie, einen Pflegedienst oder in einem Pflegeheim angewiesen. In einer aktuellen Auswertung (pdf-Datei, Stand 31.12.2017) ermittelte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) rund 3,3 Millionen Pflegebedürftige, die Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung erhalten. Dabei gehören drei von vier Betroffenen (78,3 Prozent) der Altersgruppe ab 65 Jahre an – umgerechnet etwa 2,6 Millionen Männer und Frauen. Sie werden zum Großteil (73,6 Prozent) zu Hause gepflegt, nur eine Minderheit ist in stationärer Pflege. Für viele Kosten kommt die Pflegeversicherung auf. Doch oft reicht der Zuschuss nicht aus, dann müssen Pflegebedürftige und deren Angehörige privat zuzahlen.

Die Pflegeversicherung wurde bereits zum 1. Januar 1995 als Teil der Sozialversicherung eingeführt. Finanziert wird sie durch Beiträge. Es besteht Versicherungspflicht: Gesetzlich Krankenversicherte sind automatisch über die gesetzliche Pflegeversicherung abgesichert. Privatversicherte müssen eine private Pflegeversicherung abschließen. Der Beitrag liegt aktuell bei 3,05 Prozent des Bruttogehalts, Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich diesen paritätisch. Rentner und Selbstständige zahlen den vollen Beitrag. Kinderlose Versicherte zahlen ab dem vollendeten 23. Lebensjahr noch einen Zuschlag von 0,25 Prozent, an dem sich der Arbeitgeber aber nicht beteiligt.

Gutachter stellt Pflegebedürftigkeit fest

Wer bekommt wann welche Leistungen aus der Pflegeversicherung? Dies hängt von mehreren Faktoren ab: der Pflegebedürftigkeit, dem Pflegegrad und der Art der Pflege. Voraussetzung ist zunächst ein entsprechender Antrag bei der zuständigen Pflegekasse. Sie organisiert schnellstmöglich einen Termin zur Begutachtung. Bei gesetzlich Versicherten gehören die Gutachter zum Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), bei Privatversicherten erfolgt die Begutachtung durch eine private Firma, Medicproof. Seit 2017 wird in beiden Fällen als Prüfverfahren das Neue Begutachtungsassessment (NBA) eingesetzt.

Bei den Gutachtern handelt es sich um Ärzte oder professionelle Pflegekräfte, die mit dem Antragsteller zusammen einen Fragebogen durchgehen. Für jede Antwort werden Punkte verteilt – je mehr Punkte, desto höher der Pflegebedarf. Im Vergleich zum früheren System achtet man nicht nur auf den körperlichen Unterstützungsbedarf. Stattdessen werden sechs Bereiche abgefragt: persönliche Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, auffällige oder aggressive Verhaltensweisen, Selbstständigkeit bei Körperhygiene und der Ernährung, Bewältigung der eigenen Erkrankung, Gestaltung des Alltagslebens und von sozialen Kontakten.

Pflegegrad bestimmt Höhe von Geld- und Sachleistungen

Voraussetzung für den Erhalt eines Pflegegrades ist, dass die körperlichen, psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen mindestens sechs Monate andauern, dass sie die Selbstständigkeit einschränken und dass der Pflegebedürftige dadurch Hilfe durch andere Personen benötigt. Seit der Reform des Pflegesystems im Jahr 2017 werden Demenzkranke solchen mit körperlichen Einschränken gleichgestellt. Statt der früheren drei Pflegestufen gibt es nun fünf Pflegegrade, von „geringer Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ (Pflegegrad 1) bis zu „schwerster Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung“ (Pflegegrad 5).

Auf Grundlage der Gutachterempfehlung entscheidet die Pflegekasse, ob der Pflegebedürftige einen Pflegegrad erhält und, wenn ja, welchen. Je nach Pflegegrad zahlt die Pflegekasse eine Reihe von Sach- und Geldleistungen. Sachleistungen rechnet die Pflegekasse mit dem Pflegedienst oder Pflegeheim direkt ab, Geldleistungen werden auf das Konto des Betroffenen überwiesen. Dazu zählt zum einen das sogenannte „Pflegegeld“, das der Unterstützung von pflegenden Angehörigen, Freunden oder Bekannten dient, zum anderen der „Entlastungsbeitrag“. Dieser kann für bestimmte zusätzliche Leistungen oder für weitere Unterstützung im Alltag verwendet werden. Eine tabellarische Übersicht über die Pflegegrade und die entsprechenden Leistungen finden Sie hier.

Sowohl Geld- als auch Sachleistungen können miteinander kombiniert werden, zum Beispiel wenn ein Teil der Pflege durch Familienangehörige übernommen wird, der andere durch einen Pflegedienst. Dann wird das Pflegegeld aber nur anteilig gezahlt. Ein Anspruch auf Geld- oder Sachleistungen besteht jedoch nur, wenn mindestens der Pflegegrad 2 festgestellt wurde. Dann kann ein pflegender Angehöriger auch die Verhinderungspflege nutzen, wenn er selbst vorübergehend erkrankt oder für ein paar Tage in Urlaub fährt. Sollte es zu einer familiären Krise kommen und der pflegende Angehörige eine Auszeit brauchen, kann der Pflegebedürftige vorübergehend eine vollstationäre Kurzzeitpflege erhalten.

Eine Herausforderung für alle

Wenn die eigenen Eltern alt und pflegebedürftig geworden sind, ist das eine Herausforderung für alle Beteiligten: für die Kinder, die sich nun um die Pflege kümmern müssen, für alt gewordene Eltern, die einsehen müssen, dass sie nicht mehr so selbstständig sind wie früher, aber auch für die Gesellschaft, die Pflege als solche besser organisieren muss. Die Leistungen der Pflegeversicherung bieten für Pflegebedürftige und Angehörige eine Art „Teilkaskoschutz“. Denn auch wenn die Politik sich um eine weitere Stärkung der professionellen Pflege bemüht, wird doch in Zukunft die Familie bei der Pflege weiterhin gefragt sein: praktisch, sozial und finanziell.

Zu den wichtigsten Fragen rund um die Pflege zählt die Entscheidung: zu Hause oder im Pflegeheim betreuen? Deshalb geht es im nächsten Monat im zweiten Teil der Serie um die Unterschiede und Möglichkeiten bei der ambulanten und stationären Pflege.

Änderungen 2019

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