Ausgabe 04/2019
Entlastung und Hilfe für pflegende Angehörige

Ob nach einem Schlaganfall, einem schweren Unfall oder bei einer chronischen Erkrankung wie Demenz – in den meisten Fällen übernehmen Familienangehörige die Pflege. Im dritten Teil unserer Serie „Pflegewissen“ geben wir Tipps, wo pflegende Angehörige Hilfe und Unterstützung erhalten.

Ohne Angehörige wäre die Pflege nicht möglich. Rund 75 Prozent der Bedürftigen werden zu Hause versorgt. Doch das ist anstrengend: Der Pflegebedürftige muss z.B. gewaschen und gefüttert werden. Vielleicht braucht er Hilfe beim An- und Ausziehen oder beim Toilettengang. Auch tägliche Übungen stehen oft auf dem Programm. Manche müssen alltägliche Handgriffe wieder trainieren, etwa wie man mit Besteck isst. Andere lernen das Sprechen neu. Neben all dem muss der Angehörige kochen und die Wäsche machen, einkaufen und aufräumen. Dazu kommt der Papierkram: Leistungen beantragen, auf die Antwort warten, eventuell Widerspruch einlegen.

Pflege führt an die Grenzen der Belastbarkeit

Häufig kümmern sich pflegende Angehörige rund um die Uhr um den Pflegebedürftigen. Das eigene Leben wird zurückgestellt, man ist von morgens früh bis abends spät in die Nacht für den Anderen da. Entspannung und Erholung für sich selbst? Fehlanzeige. Stattdessen steckt man seine ganze Energie in die Pflege. Schleichend führt die Belastung den pflegenden Angehörigen an seine Grenzen: Er fühlt sich ausgebrannt und überfordert, kann nicht mehr schlafen oder leidet an Rückenschmerzen. Die Anspannung wirkt sich auf den Alltag aus. Die Nerven liegen blank, man reagiert gereizt auf Kleinigkeiten. Einige werden laut, manche sogar gewalttätig.

Die Schmerzen sind ein Hilferuf: So geht es nicht weiter. Wer mehrmals täglich einen Angehörigen heben muss, belastet möglicherweise seinen Körper über Gebühr. Die permanente Erschöpfung, der Schlafmangel und die ständige Gereiztheit zeigen zudem, dass auch die Psyche in die Krise geraten ist. Der häufigste Grund dafür: Bei der Pflege des Angehörigen hat sich der Pflegende selbst aus den Augen verloren. Aus der familiären Fürsorge wurde eine Überforderung, die sich in körperlichen oder psychischen Problemen äußert, in Angstzuständen oder dem Gefühl, allein auf weiter Flur zu stehen.

Tages- und Nachtpflege entlasten im Alltag

Der wichtigste Tipp für pflegende Angehörige lautet daher: Stärken Sie sich selbst, damit Sie für andere stark sein können. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Es gibt aber eine Reihe an Maßnahmen, durch die Angehörige Entlastung im Pflegealltag finden. Ab Pflegegrad 2 besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass der Pflegebedürftige auch bei häuslicher Pflege stundenweise in einer Pflegeeinrichtung betreut wird. Für teilstationäre Leistungen wie die Tages- oder Nachtpflege zahlt die Pflegekasse, abhängig vom festgestellten Pflegegrad, pro Monat zwischen 689 Euro (Pflegegrad 2) und 1.995 Euro (Pflegegrad 5).

Tages- und Nachtpflege können neben dem Pflegegeld bzw. den ambulanten Pflegesachleistungen, etwa die Betreuung durch einen Pflegedienst, in vollem Umfang in Anspruch genommen werden. Solche teilstationären Leistungen werden nicht auf die übrigen Leistungen bzw. deren Kombination angerechnet, sondern bieten eine zusätzliche Entlastung. Zudem haben seit dem 1. Januar 2017 Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 einen gesetzlichen Anspruch auf diese Leistungen. Wer „nur“ über den Pflegegrad 1 verfügt, kann den Entlastungsbetrag von monatlich bis zu 125 Euro für diese Leistungen nutzen.

Kurzzeit- und Verhinderungspflege

Die sogenannte Verhinderungspflege ermöglicht es dem Angehörigen, ein paar Tage Urlaub zu machen oder, falls er selbst erkrankt ist, sich in Ruhe auszukurieren. Die Pflegekasse zahlt bis zu 1.612 Euro pro Jahr, damit sich ein Ersatz um den Pflegebedürftigen während dieser Zeit kümmert. Allerdings gilt eine Reihe von Anforderungen, um die Verhinderungspflege zu erhalten: Der Pflegebedürftige muss mindestens in den Pflegegrad 2 eingestuft worden sein. Zudem besteht der Anspruch nur, wenn der Angehörige den Bedürftigen seit mindestens sechs Monaten zu Hause pflegt.

Eine weitere Möglichkeit, dem pflegenden Angehörigen etwas Zeit für sich zu verschaffen, stellt die Kurzzeitpflege dar. Bei dieser wird der Pflegebedürftige vorübergehend ganztägig in einer stationären Einrichtung betreut. Die Kurzzeitpflege ist auch möglich, wenn zum Beispiel der Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Pflege noch nicht organisiert ist oder sich zu Hause plötzlich eine Krisensituation entwickelt hat. Bei dieser Form zahlt die Pflegekasse ebenfalls 1.612 Euro pro Kalenderjahr, aber für maximal acht Wochen. Der Betrag wird sogar verdoppelt, falls die Leistungen der Verhinderungspflege nicht in Anspruch genommen wurden.

Beratungsangebote nutzen

So wichtig und hilfreich diese Leistungen auch sind – grundsätzlich sollten pflegende Angehörige immer darauf achten, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Zum Beispiel bei Pflegeberatern, die für die zuständige Pflegekasse oder die Kommune tätig sind. Dabei handelt es sich um geschultes Fachpersonal, das sich in Sozial- und Sozialversicherungsrecht auskennt. Auf Wunsch kommt der Pflegeberater nach Hause. In vielen Regionen gibt es auch sogenannte Pflegestützpunkte, die meist ein umfassendes Beratungsangebot für Angehörige haben. Die Beratung erfolgt individuell und ist kostenlos.

Viele Pflegekassen bieten Kurse rund um die richtige Pflege an. In Schulungen vor Ort oder über Online-Videos lernen Angehörige, wie man rückenschonend hebt oder worauf bei der Ernährung stärker zu achten ist. Vermittelt wird grundlegendes Wissen, etwa zur Hygiene, aber man lernt auch praktische Handgriffe, die sich beispielsweise bei der täglichen Körperwäsche anwenden lassen. Gefördert werden häufig auch Sportkurse, mit denen sich Angehörige körperlich fit halten können. Außerdem gibt es Yoga- oder Tai-Chi-Kurse, die geistige Entspannung zum Ziel haben. Manche Pflegekassen bieten sogar spezielle Smartphone-Apps an, die im Tagesverlauf immer wieder passende Übungen vorschlagen.

Pflege- und Familienpflegezeit

Eine große Hürde für Berufstätige ist, dass sich die Pflegesituation nur schwer mit ihrem gewohnten Arbeitsalltag vereinbaren lässt – gerade zu Beginn, etwa dann, wenn ein Familienmitglied sehr überraschend pflegebedürftig geworden ist. Um in solchen akuten Notfällen schnell und ausreichend Zeit für die Organisation der Pflege zu haben, darf man sich bis zu zehn Tage von der Arbeit freistellen lassen. Die Pflegekasse zahlt für diesen Zeitraum das Pflegeunterstützungsgeld, das circa 90 Prozent des Nettogehalts entspricht. In manchen Arbeits- und Tarifverträgen ist die Klausel enthalten, dass der Arbeitgeber den gesamten Lohn weiterzahlt.

In größeren Unternehmen haben Arbeitnehmer zudem die Möglichkeit, eine spezielle Pflege- bzw. Familienpflegezeit zu nutzen. Die „Pflegezeit“ gibt es für Angestellte in Unternehmen mit mindestens 16 Beschäftigten. Sie dürfen bis zu sechs Monate ganz oder zum Teil die Arbeitszeit reduzieren, um sich der Pflege des Angehörigen zu widmen. Die Pflegekasse ersetzt einen Teil des entfallenden Lohns oder Gehalts. Nach Ende der Pflegezeit hat der Arbeitnehmer zudem das Recht, in seinen alten Beruf zurückzukehren. Zahlt der Arbeitgeber während dieser Zeit kein Gehalt oder keinen Lohn, kann auch in diesem Fall das Pflegeunterstützungsgeld beantragt werden.

Wer in einem Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten arbeitet, kann zudem die Familienpflegezeit beantragen. Bei dieser Form ist es möglich, bis zu zwei Jahre nur in Teilzeit zu arbeiten. Allerdings liegt die Mindestarbeitszeit bei 15 Stunden pro Woche. Pflege- und Familienpflegezeit können miteinander kombiniert werden, der Zeitraum für eine Freistellung ist aber auf insgesamt maximal 24 Monate begrenzt. In beiden Fällen besteht zudem die Möglichkeit, beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) ein zinsloses Darlehen zur Überbrückung finanzieller Engpässe zu beantragen.

Der Stress-Spirale entkommen

Um der Stress-Spirale zu entgehen, ist es aber nicht nur notwendig, die verschiedenen Leistungen der Pflegekasse zu kennen oder gelegentlich einen professionellen Pflegedienst hinzuzuziehen. Auf jeden Fall muss der Pflegealltag so organisiert werden, dass sich die Überforderung erst gar nicht einstellt. Dazu gehört, dass nicht eine Person alles allein macht. Die Familienmitglieder sollten sich die anfallenden Aufgaben aufteilen, zum Beispiel den Pflegebedürftigen zum Arzt fahren. Auch das Mittagessen kann reihum in der Familie gekocht werden. Je mehr Schultern die Last tragen, desto leichter fällt die Aufgabe dem Einzelnen.

Die Pflege eines Angehörigen ist für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Für den Pflegenden ist es daher wichtig, auch für sich selbst Sorge zu tragen: durch eine Auszeit, durch die Inanspruchnahme von Hilfen, aber auch durch Vernetzung. Das beugt nicht nur der Vereinsamung und Überlastung während der Pflege vor, sondern hilft auch konkret bei der Bewältigung täglicher Aufgaben. Der Austausch mit Familie, Freunden oder anderen Betroffenen ist aber auch wichtig, um generelle Probleme zu erkennen – und um rechtzeitig gegensteuern zu können, damit der pflegende Angehörige selbst seine körperliche und seelische Fitness behält.

Tipps für pflegende Angehörige

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann empfehlen Sie ihn gerne weiter!

Weitere Beiträge.
Flexible Arbeitszeiten

Eine flexible Arbeitszeit bietet Arbeitnehmern größere Freiheiten im Berufsalltag. Es gibt unterschiedliche Modelle – von Langzeitarbeitskonten über die Altersteilzeit bis zum Home-Office.

Kuck mal, wer da spricht

Alexa, Google Home oder Apple HomePod – früher waren smarte Lautsprecher etwas für Nerds, heutzutage lassen sich die Geräte in immer mehr Wohnzimmern finden. Aber was können die Geräte eigentlich?