Ausgabe 05/2019
Gesundheitsmythen im Test

Nicht die Nase hochziehen, schiefes Sitzen ruiniert den Rücken, Lesen bei schwachem Licht ist schlecht für die Augen – Wahrheit oder Mythos? Wir klären über einige der hartnäckigsten Irrtümer auf.

„Sitz gerade!“ Oder: „Putz dir die Nase!“ Wer kennt sie nicht, diese Stimme im Hinterkopf, die sich bei allen möglichen Gelegenheiten meldet und uns sagt, was gut für uns ist. Was wir tun sollen. Was wir besser lassen. Damit nicht genug: Wir sind auch noch von vielen wohlmeinenden Zeitgenossen umgeben, die uns ebenfalls schlaue Tipps zu einer gesünderen Lebensweise geben: „Handys sind schädlich“, „Naturheilmittel sind harmlos“. Wir haben populäre Gesundheitsmythen überprüft – und erklären, welche Aussagen stimmen und hinter welchen bloßer Irrglaube steckt.

1. Sekret hochziehen ist schlecht für die Nase

Falsch. Zwar gilt jemand, der das Sekret in der Nase hochzieht (und das vielleicht noch besonders geräuschvoll) als unappetitlich. Viele Außenstehende halten das Verhalten aber auch für gefährlich: Der Schleim setze sich so in den Nasennebenhöhlen fest. Dabei verträgt unser Riechorgan das Hochziehen relativ gut, ein größeres Risiko birgt dagegen das Schnäuzen ins Taschentuch. Hierbei entsteht unter Umständen ein hoher Druck – und gerade dies führt dazu, dass das Nasensekret in die Nebenhöhlen oder über die Eustachi-Röhre ins Mittelohr gelangen und zu Entzündungen führen kann.

2. Krummes Sitzen ruiniert den Rücken

Falsch. Genauso wenig stimmt die in dem Zusammenhang häufig vorgebrachte Behauptung, dass gerades Sitzen den Rücken besonders schone. Beide Sitzpositionen – also der nach vorne gekrümmte Rücken bzw. „Buckel“ sowie ein durchgedrückter Rücken – beanspruchen auf ihre eigene Weise die Bandscheiben. Entlastung bringt dagegen nur das „dynamische Sitzen“, bei dem häufig zwischen verschiedenen Sitzpositionen hin- und hergewechselt wird. Das verhindert eine einseitige Belastung und sorgt dafür, dass verschiedene Muskelstränge im Rücken- und Bauchbereich aktiviert werden. Die Bandscheiben werden gleichzeitig besser durchblutet und so mit Nährstoffen versorgt.

3. Handys verursachen Hirntumore

Falsch. Eine große Studie in Australien fand keinen Zusammenhang zwischen mobilem Telefonieren und einem erhöhten Risiko für Hirntumore. Untersucht wurde ein Zeitraum von 30 Jahren; die Wissenschaftler verglichen die Tumorzahlen vor und nach der Einführung des Handys im Jahr 1987. Sie konnten keinen Anstieg erkennen, nur bei Männern über 70 Jahren erhöhte sich die Zahl der Tumorpatienten leicht. Das liegt wohl in erster Linie an verbesserten Diagnostik-Methoden. Insgesamt gaben die Forscher Entwarnung: Selbst wenn das Risiko für einen Tumor nur gering gestiegen wäre, hätte sich dies aufgrund der sehr großen Untersuchungsgruppe bemerkbar gemacht.

4. Naturheilmittel sind harmlos

Falsch. Auch wenn viele Menschen glauben, dass der Aufdruck „pflanzlich“ auf einer Packung automatisch „schonend“ bedeutet, stimmt das Gegenteil: Gerade pflanzliche Wirkstoffe haben einen immensen Einfluss auf den Körper, zum Beispiel Atropin und Ibotensäure, die in Tollkirschen bzw. in Fliegenpilzen stecken. Problematisch werden Naturheilmittel aber auch dann, wenn sie ohne Absprache mit einem Arzt eingenommen werden. Häufig reduzieren sie den Einfluss regulärer Medikamente oder setzen sie ganz außer Kraft. Wer zur Verhütung die Anti-Baby-Pille einnimmt, sollte zum Beispiel auf Präparate mit Johanniskraut verzichten. Diese sorgen nämlich dafür, dass die „Pille“ wirkungslos wird.

5. 10.000 Schritte pro Tag halten gesund

Falsch. Die 10.000-Schritte-Regel ist die Erfindung eines japanischen Unternehmens. Mit dem Slogan machte die Firma Werbung für einen Schrittzähler, der 1964 zu den Olympischen Spielen in Tokio auf den Markt kam. Nationale und internationale Richtlinien empfehlen dagegen 30 Minuten intensive Bewegung pro Tag, an fünf Tagen in der Woche. US-Forscher haben dies auf ein Schrittmaß umgerechnet und sind bei 8.000 Schritten angekommen. Dabei zählt die Tagesdistanz gar keine so große Rolle – viel wichtiger ist, dass man auf 50.000 Schritte in der Woche kommt. Dadurch kann man das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankung um 20 Prozent senken.

6. Wechselduschen stärken das Immunsystem

Richtig. Dass der Wechsel von hohen und niedrigen Temperaturen gesundheitsfördernd ist, zeigt sich nicht nur beim Saunieren, sondern auch beim Duschen. Der Wechsel zwischen warmem und kaltem Wasser reduziert Stress, härtet aber auch ab, da die Blutgefäße trainiert werden. Sie müssen sich durch den Wechsel immer wieder weiten und zusammenziehen. Wie eine Studie der Universitätsklinik Jena aus dem Jahr 2016 zeigte, stieg nach zehn Wochen Wechselduschen bei den Probanden – untersucht wurden Menschen mit chronischer Bronchitis – die Zahl der Lymphozyten: das sind Zellen, die für die Abwehr von Krankheitserregern zuständig sind.

7. Lesen bei schwachem Licht verdirbt die Augen

Falsch. Obwohl selbst nüchterne Forscher sich bei dem Thema ereifern können, gibt es bislang keine Beweise, dass Funzellicht die Augen schädigt. Allerdings sind sie bei schlechten Lichtverhältnissen stärker gefordert: Die lichtempfindlichen Stäbchen müssen mehr Rhodopsin produzieren. Das Protein – auch „Sehpurpur“ genannt – wird benötigt, um einfallendes Licht in Sinnesreize umzuwandeln. Der Ciliarmuskel muss ebenfalls mehr leisten; er ist für die Straffung der Linse verantwortlich. Wenn man bei schwachem Licht liest, ermüden die Augen schneller. Die Folge: rote Augen und Kopfschmerzen. Zumindest aus dem Grund sollte man lieber eine Lampe anmachen, wenn es dunkler wird.

Gesundheitsmythen

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