Ausgabe 06/2019
Lesen statt Lenken

Selbstfahrende Autos gelten als das große Zukunftsversprechen der Automobilindustrie. Wie weit sind die Autobauer überhaupt?

Anfahren, kuppeln, bremsen. Wieder kuppeln. Wieder anfahren. Wieder bremsen. Warten bis zum nächsten Anfahren. Stop-and-Go-Verkehr ist eine Herausforderung – und für viele Pendler nerviger, zeit- und kräftezehrender Alltag. Wie viel leichter wäre es doch, sich in solchen Momenten einfach zurückzulehnen und auf „Autopilot“ zu schalten. Was ließe sich nicht alles in einem selbstfahrenden Auto tun: ein Nickerchen machen, einen Kaffee trinken, die Morgenzeitung lesen, unbeschwert am Smartphone daddeln. Und sicherer wäre die Fahrt auch noch. Vor allem, wenn auch in allen anderen Fahrzeugen nicht der Mensch, sondern buchstäblich das Auto der Pilot wäre: kein Drängeln mehr, kein Rasen, keine Unfälle.

Autopilot von Tesla liefert Vorgeschmack auf Zukunft

Was nach Science-Fiction klingt, wird möglicherweise in zwei, drei Jahren Realität sein. Einen Vorgeschmack dessen, was auf uns zukommt, liefert Tesla. Der US-Elektroautobauer gab Anfang 2019 bekannt, dass alle neuen Modelle standardmäßig für ein weitgehend selbstständiges Fahren ausgerüstet seien. Bis zum vollständigen autonomen Betrieb bedarf es zwar noch einer ganzen Reihe von Updates, aber schon jetzt kann ein Tesla ziemlich viel allein: Kolonnenfahrten auf der Autobahn, Spurwechsel, Ein- und Ausfahrten im Kreisverkehr, Halt vor roten Ampeln und Stoppschildern, eigenständige Parkplatzsuche inklusive automatischem Einparken.

Der Haken an der Sache: Trotz der selbstbewusst benannten „Autopilot“-Funktion ist auch im Tesla immer noch eine ständige Überwachung durch den Fahrer vorgeschrieben. Also kein hundertprozentiger „Auto-Pilot“, sondern vielmehr eine intelligente Verknüpfung von verschiedenen Assistenzsystemen und Sensoren. Während der Fahrt muss der Fahrer immer noch seine Hände am Lenkrad lassen und das Steuer übernehmen, sobald eine Verkehrssituation das elektronische Gehirn des Autos überfordert. Das ist gesetzlich so gefordert. Aber wie weit sind wir derzeit tatsächlich vom selbstfahrenden Auto entfernt?

Die ersten drei Stufen sind bereits erreicht

Technisch gesehen sind die Modelle von Tesla gerade einmal teilautomatisiert. Bis zur echten Eigenständigkeit ist es noch ein weiter Weg. Bei der Einstufung des Autonomiegrades ihrer Fahrzeuge orientieren sich die meisten Autohersteller an der Klassifizierung, die die Society of Automotive Engineers (SAE) entwickelt hat. Bei Stufe 1 unterstützen einzelne Assistenzsysteme wie Spurhalteassistent oder Abstandsregeltempomat den Fahrer. Der Fahrer muss immer den Verkehr im Blick und die Kontrolle über das Fahrzeug behalten. Moderne Autos mit ihrer Vielzahl an elektronischen Hilfssystemen haben diese Stufe (auch „feet off“ genannt) bereits erreicht.

Auf Stufe 2 („hands off“) werden mehrere Funktionen kombiniert, sodass das teilautomatisierte Auto in bestimmten Situationen die Spur hält und dabei abbremst bzw. beschleunigt. Oder es schert automatisch auf der Autobahn aus, überholt das vorausfahrende Fahrzeug und fädelt sich wieder in die Fahrspur ein. Der Autopilot von Tesla zählt zu dieser Stufe, genauso der Lenkassistent Distronic+ in der aktuellen S-Klasse von Mercedes-Benz. Auf Stufe 2 darf der Fahrer kurzzeitig die Hände vom Steuer nehmen, allerdings muss er die Assistenzsysteme jederzeit überwachen. Sollte es zu einer Fehlfunktion kommen, muss der Fahrer sofort eingreifen.

Das erste Auto, das schon heute auf Stufe 3 („eyes off“) autonom fahren könnte, ist der aktuelle Audi A8. Der Assistent namens „Staupilot“ navigiert das Auto ganz allein durch Staus und zähflüssigen Verkehr bis maximal 60 km/h. Der Fahrer kann sich derweil anderweitig beschäftigen. Allerdings ist der Staupilot auch zwei Jahre nach Modelleinführung immer noch nicht freigeschaltet. Die deutsche Straßenverkehrsordnung erlaubt zwar Stufe-3-Fahrzeuge, das europäische Zulassungsrecht aber noch nicht. Eine Novellierung der EU-Richtlinien ist derzeit in Arbeit. Derweil haben die anderen deutschen Premium-Autobauer ebenfalls Fahrzeuge der Stufe 3 angekündigt. Mercedes-Benz will im kommenden Jahr eine S-Klasse mit entsprechenden Funktionen auf den Markt bringen, die ersten Modelle von BMW folgen 2021.

Die ersten Autos der nächsten Stufe stehen in den Startlöchern

Fast alle großen Hersteller und viele Zulieferer wie Bosch, Continental, Schaeffler und ZF, aber auch die Tech-Konzerne Apple, Google und Uber arbeiten an den nächsten Entwicklungsstufen autonomen Fahrens. Im Fokus stehen bessere Sensoren, leistungsfähigere Kameras, genaueres Radar und Lidar (eine Art laserbasiertes Radar), hochauflösendere Karten, schnellere Prozessoren – sowie intelligentere Algorithmen, die riesige Datenmengen auswerten und Informationen verknüpfen können. Parallel dazu ist der Aufbau einer digitalen Infrastruktur notwendig, sodass das Fahrzeug Daten der eigenen Bordsensoren mit Informationen anderer Autos, von Ampelanlagen und Kameras an Kreuzungen kombinieren kann.

Noch ist viel zu tun, bis das nächste Level autonomen Fahrens – Stufe 4 („mind off“) – erreicht ist. BMW, Daimler, Volkswagen und Bosch testen die ersten Fahrzeuge, bei denen der Fahrer nur im Notfall gefordert ist, auf geschlossenen Parcours. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil die Technik noch recht störanfällig ist. Mehrere Unfälle selbstfahrender Autos, in die beispielsweise Tesla-Modelle und ein Testfahrzeug des Fahrdienst-Vermittlers Uber verwickelt waren, zeigten Sicherheitsmängel auf. Prüfstandards, an die sich alle Beteiligten halten müssen, werden gerade erst entwickelt. Dennoch gibt sich der US-Autobauer Ford optimistisch und will bereits in zwei Jahren die ersten sogenannten „vollautomatisierten“ Serienfahrzeuge der Stufe 4 auf die Straße bringen – wegen der Zulassungsbeschränkungen in Europa vermutlich zunächst nur in den USA.

Vom autonomen Auto zum Roboter-Taxi

Und danach? Fluchtpunkt der Entwicklung selbstfahrender Autos ist Stufe 5 („body off“). Erst hier spricht man tatsächlich vom „autonomen Fahren“. Menschen sind nur noch Passagiere, aber keine Fahrer mehr. Selbst ein Lenkrad oder Pedale findet man nicht mehr im Innenraum, die Fahrgäste könnten einander zugewandt sitzen statt hintereinander. Eine spannende Frage wäre nun, ob man so ein Auto überhaupt noch selbst besitzen muss. Denn wenn man das Auto einfach per App rufen kann, muss es nicht mehr das eigene Fahrzeug sein, das letztendlich vorfährt. Im Rahmen von Carsharing oder eines sogenannten „Ride-Hailing-Services“ (Fahrdienste wie Uber) kann man auch einfach ein Auto nach Bedarf mieten.

Dann schlägt die Stunde der „Roboter-Taxis“. Auch hier hat die Entwicklung so große Fortschritte gemacht, dass erste Services schon gestartet sind: Googles Schwesterunternehmen Waymo bietet seit Dezember 2018 in ausgewählten Vororten der US-Metropole Phoenix im Bundesstaat Arizona kommerzielle Roboter-Taxis an. Das Start-up Drive.ai betreibt im texanischen Arlington ein vergleichbares Angebot. In Las Vegas lässt Uber-Konkurrent Lyft bereits 30 Roboter-Taxis fahren, bei denen allerdings immer noch ein Sicherheitsfahrer mit an Bord ist. Auch die Autobauer ziehen mit: General Motors will in diesem Jahr die ersten Roboter-Taxis auf die Straße schicken, in San Francisco wurden die ersten Modelle getestet. Volkswagen plant für 2022 ein ähnliches Projekt in Israel. Auch Daimler und Renault forschen an Roboter-Taxis.

Autonome Autos wohl nicht vor 2040

Wann tatsächlich die ersten Autos ganz autonom auf unseren Straßen fahren, ist noch ungewiss. Eine Studie des Prognos-Instituts im Auftrag des ADAC kam zu dem Schluss, dass sich die ersten Fahrzeuge der Stufe 4 wohl frühestens ab 2030 durchsetzen werden. Echte autonom fahrende Autos der Stufe 5 werden vermutlich nicht vor 2040 angeboten. Roboter-Taxis wurden in der Studie nicht berücksichtigt. In einem Interview mit der FAZ sagte Bosch-Chef Volkmar Denner die ersten kommerziellen Angebote schon für 2023 voraus. Die Einschätzung ist nicht ganz objektiv: Der weltweit größte Autozulieferer arbeitet eng mit Daimler bei der Entwicklung selbstfahrender Taxis zusammen.

Die weitere Entwicklung bleibt also spannend. Wenn Sie mehr über das Thema erfahren wollen, empfehlen wir unseren Ratgeber „Autonomes Fahren: Das Auto der Zukunft fährt (wie von) selbst“.

Autonomes Fahren

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