Ausgabe 09/2019

Arbeiten für die Auszeit

Ob fürs Sabbatical, die Pflegeauszeit oder eine längere Fortbildung – mit dem Zeitwertkonto kann man Zeit und Gehalt „ansparen“ und sich später in Form einer Freistellung „auszahlen“ lassen.

Zeitwertkonto

„Zahle heute Überstunden und Gehalt ein, damit du morgen eine Auszeit abheben kannst.“ So lautet die Grundformel des Zeitwertkontos. Mit diesem können sich Mitarbeiter nach und nach eine bezahlte Freistellung erarbeiten. Sie bleiben weiter renten- und sozialversichert, dürfen die gewonnene Zeit aber für andere Aktivitäten nutzen. Zum Beispiel um den Bau des eigenen Hauses zu begleiten oder ein Buch zu schreiben, um einen Angehörigen zu pflegen oder den lang gehegten Traum vom Motorradtrip durch Nordamerika zu verwirklichen. Andere nutzen ihr Zeitwertkonto, um eine längere Weiterbildung zu besuchen – oder früher ohne Abschläge in Rente zu gehen.

Zeit ist Geld, Geld ist Zeit

Die Rechtsgrundlage für das Zeitwertkonto schuf bereits das im Jahr 2009 in Kraft getretene „Gesetz zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Absicherung flexibler Arbeitszeitregelungen und zur Änderung anderer Gesetze“. Das sogenannte „Flexi-II-Gesetz“ regelte den Einsatz flexibler Arbeitszeitmodelle. Mit Zeitwertkonten, manchmal auch Langzeit- oder Lebensarbeitskonten genannt, besteht nun die Möglichkeit, diese größere Flexibilität zu nutzen und Arbeitszeit „anzusparen“. Überstunden und nicht genutzte Urlaubstage können auf das Zeitwertkonto „eingezahlt“ werden und bleiben so über mögliche Verfallsdaten hinweg bestehen.

Der Clou des Zeitwertkontos: Es ist keine Datenbank für die über Jahre geleistete Mehrarbeit, sondern ein echtes Konto, das der Arbeitgeber bei einem Kreditinstitut einrichtet. Daher wird ein Zeitwertkonto immer monetär geführt. Und der Arbeitnehmer hat häufig zusätzlich die Option, neben Zeit- auch echte Geldbeträge zu überweisen. Etwa Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Boni und Provisionen. Die Einzahlungen sind steuer- und sozialabgabenfrei, beides wird erst bei der Auszahlung fällig. Dazu ist das Sparguthaben von der Abgeltungssteuer befreit. Für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bedeuten diese Regelungen, dass sie unter Umständen die Abgabenlast insgesamt reduzieren können.

In der Praxis zeigen sich die Mängel des Modells

Allerdings hat nur ein Bruchteil der Unternehmen überhaupt Zeitwertkonten eingeführt. Dies ergab Anfang des Jahres eine Studie der „Arbeitsgemeinschaft Zeitwertkonten“. Befragt wurden Geschäftsführer, Personalleiter und Vorstände von über 300 Unternehmen. Gerade einmal 22,9 Prozent der Unternehmen haben oder hatten Zeitwertkonten eingeführt. Viel verbreiteter sind dagegen Flexi- bzw. Gleitzeitkonten, mit der sich Überstunden durch Freistellungen einfach ausgleichen lassen. 72,9 Prozent der Befragten gaben an, dieses Instrument zu verwenden. Immerhin 41 Prozent der Unternehmen bieten Altersteilzeitmodelle an. Woran scheitert die Einführung von Zeitwertkonten?

Viele kleine Unternehmen antworten darauf: am hohen Verwaltungsaufwand. Zunächst muss das Unternehmen ein Kreditinstitut finden, das die finanzielle Absicherung des Zeitwertkontos übernimmt. Auch die regulatorischen Hürden sind hoch. Das Konto muss zwangsläufig gegen eine etwaige Insolvenz des Unternehmens geschützt werden. Darüber hinaus kürzt der Staat auch Ansprüche auf Sozialleistungen wie Elterngeld oder Familienpflege, wenn der Arbeitnehmer die Freistellung vom Zeitwertkonto in Anspruch nimmt. Und bei einem Jobwechsel ist die Übernahme eines Zeitwertkontos ins neue Unternehmen alles andere als einfach. Daher sind Zeitwertkonten vor allem bei großen Unternehmen, Konzernen und Firmen mit Tarifbindung verbreitet.

Dazu kommt: Es besteht kein Rechtsanspruch als solcher auf ein Zeitwertkonto – jedes Konto ist immer eine freiwillige Vereinbarung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber (Ausnahme: Das Zeitwertkonto ist über einen Tarifvertrag festgeschrieben). Daher müssen viele kleine Details individuell geregelt werden: Welche Arbeitszeit und welche Geldbeträge darf man sich gutschreiben lassen? Einige Unternehmen erlauben zum Beispiel ausschließlich die Einzahlung von Überstunden, andere gestatten auch prozentuale Abschläge vom Gehalt. Wie hoch soll das Bruttogehalt während der Freistellung ausfallen? Es muss mindestens 70 Prozent des Durchschnittslohns der vergangenen 12 Monate betragen, maximal sind 130 Prozent drin. Ebenso müssen die Aufgabenverteilung während der Freistellung und die Beschäftigungsmöglichkeiten nach der Rückkehr geklärt sein.

Zeitwertkonto eines von mehreren Modellen für mehr Flexibilität

Ob das Zeitwertkonto also immer die sinnvollste Option ist, um die Flexibilität der Arbeitszeit zu erhöhen, muss jeder Arbeitnehmer und jeder Arbeitgeber selbst prüfen. Kleine Unternehmen können es sich schon aus wirtschaftlicher Sicht selten erlauben, auf Mitarbeiter für längere Zeit zu verzichten; bei wichtigen Aufgaben fehlen sie einfach. Andererseits gibt es eine ganze Reihe von Modellen, den Wunsch der Mitarbeiter nach flexibler Arbeitszeitgestaltung zu unterstützen, etwa Flexi- und Gleitzeitregelungen oder Vereinbarungen zur Altersteilzeit. Dennoch bleiben Zeitwertkonten eine für beide Seiten attraktive Option: Mitarbeiter können ohne finanzielle Einbußen längere Auszeiten nehmen, Unternehmen wertvolle Fachkräfte an sich binden.

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