Ausgabe 10/2019

Superfood ist super-gut?

Sie sollen vor Krebs schützen, Herzkrankheiten vorbeugen oder Diabetes verhindern. Lebensmittel mit positiven Wirkungen auf die Gesundheit gelten als „Superfood“. Was steckt hinter dem Hype?

Studienbeginn

Erst waren es Gojibeeren, Chiasamen und Matcha, dann Kokosöl und Avocados, jetzt tragen sogar bislang unverdächtige Kandidaten wie Süßkartoffeln, Olivenöl und Hanf den verkaufsfördernden Stempel „Superfood“. Hollywood-Stars und Internet-Blogger haben den Trend bekannt gemacht, Fitness-, Fernseh- und Lifestyle-Magazine sprangen auf den Zug auf. Inzwischen stehen in den Regalen der Buchhandlungen Titel wie „Die besten Superfood-Rezepte“ oder „Supergesund mit Superfoods“, Selbstbedien-Backtheken in Discountern bieten Quinoa-Brötchen an, Açai-Smoothies sind an Tankstellen erhältlich: Der Hype hat die Mitte der Gesellschaft erreicht.

Die Superhelden unter den Lebensmitteln

Was „Superfood“ genau ist, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Die Definitionen sind so vielfältig wie die Obst- und Gemüsesorten, die darunterfallen. In der Regel handelt es sich um exotische oder „vergessene“ Lebensmittel, denen eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben wird. Die Lebensmittel gelten darüber hinaus als natürlicher und authentischer als industriell verarbeitete Produkte. Und Werbeaussagen wie „schon die Maya / Azteken / Inkas / unsere Großmütter verwendeten X oder Y“ suggerieren, dass die Lebensmittel einen Bezug zu „traditionellem“ Wissen haben, das in der modernen Gesellschaft verlorengegangen ist.

Auf jeden Fall soll Superfood positive Folgen für die Gesundheit haben, wenn man es regelmäßig zu sich nimmt. Es soll gegen Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes oder Krebs helfen, den Cholesterinspiegel senken und die Konzentrationsfähigkeit fördern, das Immunsystem stärken, die Fruchtbarkeit erhöhen oder einfach mehr Vitalität verleihen. Dass die Lebensmittel gesünder als andere sein sollen, wird in der Regel einem hohen Vitamin- und Mineraliengehalt zugeschrieben. Auch der hohe Gehalt an „sekundären Pflanzenstoffen“ wie Aroma- und Farbstoffen soll eine gesundheitsfördernde Wirkung haben.

Gesundheitliche Wirkung lässt sich nicht nachweisen

Um die heilende – oder zumindest vorbeugende – Kraft von Superfood hervorzuheben, verweisen die Anbieter gern auf wissenschaftliche Studien. Aber bei näherer Betrachtung lassen sich die versprochenen Wirkungen in der Regel nicht nachweisen. Zumal sich die Untersuchungen meist auf einzelne Nähr- oder Wirkstoffe beschränken und Tests mit hochkonzentrierten Dosen an Zellkulturen oder Tieren durchgeführt wurden. So lässt sich zwar einiges über die prinzipielle Wirkungsweise des Stoffes sagen, aber nichts über gesundheitsfördernde Effekte der verkauften Lebensmittel. Zumal sie die Nährstoffe in deutlich niedrigen Konzentrationen enthalten.

Hinzu kommt, dass viele Lebensmittel, die als Superfood gekennzeichnet werden, mit Pestiziden, Mineralöl oder Schwermetallen wie Cadmium, Blei und Mangan belastet sind. Selbst bei Produkten mit Bio-Label konnten solche Rückstände nachgewiesen werden . So fand Ökotest vor zwei Jahren zum Beispiel bei Chiasamen erhöhte Pestizidwerte; die beiden betroffenen Bio-Hersteller nahmen daraufhin die Produkte umgehend vom Markt. Dass Bio-Produkte belastet sind, liegt aber nicht unbedingt daran, dass konventionell angebaute Lebensmittel als (teure) Bio-Ware deklariert wird. Das kommt auch vor, der Hauptgrund ist aber ein anderer: In Ländern wie China oder Brasilien liegen Bio- und konventionelle Felder häufig direkt nebeneinander. Der Wind verteilt die gespritzten Pestizide einfach über alle Äcker, also auch auf Bio-Flächen.

Hinzu kommt: Bis die exotischen Superfoods bei uns im Supermarktregal landen, müssen sie einen weiten Weg zurücklegen. Deswegen können beispielsweise Goji- oder Açai-Beeren gar nicht frisch angeboten werden. Damit sie nicht verderben, erreichen sie uns nur in verarbeiteter Form: getrocknet oder als Extrakt, in Pulver- oder Kapselform. Ob tatsächlich alle wertvollen Pflanzenstoffe die Verarbeitung überstehen, ist fraglich. Und wenn der teure „Açai-Smoothie“ zu 99,9 Prozent aus Apfelsaft besteht, ist das teure Superfood eine regelrechte Mogelpackung.

Heimische Alternativen zu exotischen Superfoods

Warum Superfood so erfolgreich ist, liegt auch an der Herkunft: Gojibeeren stammen aus China, Grüntee für Matcha kommt aus Japan, Chia und Quinoa werden in Mittelamerika angebaut – exotische Lebensmittel, die Abwechslung auf den Speiseplan bringen. Geht es um den gesundheitlichen Mehrwert, müssen sich heimische Obst- und Gemüsesorten aber nicht verstecken. Wenn Sie mehr Antioxidantien zu sich nehmen möchten, essen Sie statt Gojibeeren einfach schwarze Johannisbeeren (und andere rote Früchte). Heidelbeeren sind eine hervorragende Alternative zu Açai-Beeren. Und Leinsamen enthalten genauso viele Omega-3-Fettsäuren wie Chia. Weitere Empfehlungen finden Sie im Internet, zum Beispiel beim Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung. Bei regional angebautem Obst und Gemüse fallen auch die langen Transportwege weg. Das wirkt sich positiv auf die Klimabilanz aus.

Eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung

Superfood heißt nicht automatisch super-gesund oder super-gut. Natürlich schmecken Gojibeeren, Chiasamen, Weizengras, Moringa oder Matchatee lecker und können den Speiseplan bereichern. Doch wer hofft, durch die Einnahme fitter, gesünder und schlanker zu werden, wird vermutlich enttäuscht. Statt auf die umstrittene Wirkung dieser Lebensmittel zu vertrauen, sollten Sie sich lieber gesund und abwechslungsreich ernähren: mit möglichst frischen, unbelasteten und wenig verarbeiteten Produkten. Und statt zu exotischen Sorten lieber zum heimischen „Superfood“ greifen – jetzt im Herbst etwa zu Äpfeln, Kürbissen und roten Weintrauben.

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